NATÜRLICH LERNEN

Leben und Lernen einer Homeschooling Familie

André Stern 5. Februar 2011

Die neue Webpage vom Verein „Bildung zu Hause Schweiz“ ist da. Nach meinem Geschmack ist sie viel besser geworden, übersichtlicher, aber auch frischer und angenehmer zu lesen. Aber der Grund, warum ich das hier sage ist, weil es gleich auf der Startseite ein spannendes Filmchen hat. Ein ca. 12 min Interview mit André Stern, einem mittlerweile erwachsenen „Freilerner“ oder „Unschooler“ aus Frankreich. Hier kann man es sich anschauen.

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Lernorte 22. August 2010

Ich habe einen Traum…  Mein Traum (oder eher ein Traum) der handelt – ja, schon auch von Freiheit – aber vor allem im Zusammenhang mit Lernen und Schulen. Was sie sein könnten, die Schulen. Idealerweise. Vielleicht irgendwann mal sein werden? Ich weiss es nicht, aber ich Teile die Idee hier mal mit jedem der sie Lesen will. Alles was wir erfunden haben, musste irgendwie zuerst von jemandem gedacht werden…

Also: Ich träume von Orten, z.B. grosse, schöne, lichte Häuser, die könnte man Lernhäuser nennen, oder Lernorte, oder so. In denen hat es ganz viele Ressourcen und Material zu einem Thema, sowie Leute die einem weiterhelfen, wenn nötig. Offen sind diese Orte für ALLE und immer, aber gehen müssen tut NIEMAND. Es gäbe nicht eine Lektion die jemand besuchen muss. Vielleicht kann man sich zu verbindlichen Kursen einschreiben, aber niemand muss das tun.

Um dort eine „Lehrperson“ zu sein, müsste man lediglich zwei Voraussetzungen erfüllen: 1. viel über ein Thema wissen, 2. dieses Wissen gerne mit anderen Menschen teilen wollen. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Wenn also jemand, ob Kind oder Erwachsener, Infos zu einem Thema sucht, sich Weiterbilden will, interessiert an Naturwissenschaften ist, Tanzen lernen will, oder, oder, oder, kann er ganz einfach dort hingehen und sich das Wissen/Können aneignen. Die öffentliche Schule wie es sie heute gibt, würde dann gar nicht mehr existieren. Jeder wäre frei, jederzeit selbstbestimmt zu lernen was er will und braucht. Ich glaube, das würde uns ungeahnte Potenziale eröffnen, wäre ein Einstieg in eine wirkliche, echte Informations- und Wissensgesellschaft, als die wir uns heute gerne bezeichnen.

 

Nochmals über Bienen 8. Juni 2010

Gestern gingen wir auf unseren Dachstock, dort haben wir einige Spiele, von denen wir eines aussuchen und spielen wollten. Soweit ist es aber gar nie gekommen…

Da lag nämlich auf dem Weg eine tote Biene. (Mir ist dann auch klargeworden, warum sich unsere Katze am Morgen mal so seltsam benommen hat, sie hat Geräusche gemacht wie Husten, ihren Mund zu putzen versucht und dabei reklamiert…)  Sofort haben beide eine Lupe geholt und die Biene genau untersucht. Dabei haben sie so allerlei Erkenntnisse gewonnen, zum Beispiel: „Die runden Kreise am Hinterleib der Biene sind ja unten gar nicht rund, sondern so spitzig.“ „Die hat ja fast überall ganz viele Haare.“ Oder:  „Die Fühler sind ja mega lang.“ Bald tauchte die Frage auf, wie gross diese Biene denn eigentlich sei, darum wurde sie dann ausgiebig vermessen. Beide, Leia und Yana waren dabei so interessiert an den Resultaten, dass ich ihnen vorschlug, es doch in einem Heft aufzuschreiben. Dieser Vorschlag wurde von beiden freudig aufgenommen, hier Yana’s Notizen:

Für alle die mit „Kindergärtlerhandschrift“ nicht so vertraut sind, hier die Übersetzung:

Biene

  • Länge: 1cm
  • Breite mit Flügel: 2 cm
  • Breite ohne Flügel: 6mm
  • Flügellänge: 7mm
 

Im Wald 21. April 2010

Gestern durften wir einen sozusagen perfekten Nachmittag erleben. Leia hat letzte Woche ein neues Velo (so neu ist das nun auch wieder nicht, nur für uns) bekommen und so haben wir heute beschlossen, es mal richtig auszuprobieren. Sie ist zwar vorher schon mal damit gefahren, aber nur so ca. 50 m hin und her auf der Strasse vor unserem Haus.

Eine der schwierigsten Fragen ist wohl immer die, wohin man denn eigentlich gehen soll. Da habe ich, zum Vereinfachen der Diskussion, eine kleine Karte herausgenommen. Und auf dieser Karte haben wir, im Wald nahe von uns, einen kleinen blauen Fleck entdeckt. Ich muss zugeben, dass wir noch nie bei diesem blauen Fleck waren und so wollten wir herausfinden, was für ein Tümpel sich denn dort befinde. Mit einem kleinen Zvieri, der Karte und der Fotokamera bewaffnet, machten wir uns auf den Weg.  Yana hatte wie üblich noch einen Rucksack vollgestopft mit allerlei Sachen für den „Notfall“ dabei, diesmal waren es, unter anderem, ein Stoffhund namens Moritz und ein Buch. Ebenfalls wie üblich, hat sie dann doch nichts davon gebraucht.

Also, wir machten uns auf den Weg, Leia mit ihrem neuen Velo, Yana noch mit ihrem Alten, Amber im Veloanhänger und ich mit dem Veloanhänger. Auf der Strasse zum Wald ging es noch recht lebhaft und laut zu und her. Aber wir waren noch keine 2 Minuten im Wald, da wurde es auffallend ruhig – ein angenehmes Ruhig. Leia meinte dann auch, es sei immer sooo schön im Wald und ich konnte ihr nur zustimmen. Die Stimmung war wie verzaubert, ich glaube wir hatten alle das Gefühl, dass wir durch einen Märchenwald fuhren. Die Bäume beginnen wieder grün zu werden, der Waldboden ist es schon, und die Sonne hat wunderschön durch das alles gestrahlt und spannende Schatten geworfen. Alles scheint irgendwie wieder jung oder neu zu sein und vor allem voller Leben. Wir konnten richtig fühlen, dass wir mittendrin waren, war einfach schön.

Es ging gar nicht lange, da hatten wir das blaue Fleckchen der Landkarte schon erreicht. Es stellte sich heraus, dass es wirklich ein kleiner Teich war, es hatte eine kleine Tafel auf welcher „Amphibienschutzzone“ stand und sonst nicht viel. Ich wollte eigentlich wieder weiter, aber die Kinder wollten unbedingt ihren Zvieri hier essen. Dann halt, warum eigentlich nicht? Also setzten wir uns auf den Kiesboden und packten aus. Wir haben den ganzen Nachmittag dort verbracht, und viel Spannendes entdeckt. Angefangen hat es damit, dass Leia sehen wollte, wie eine Ameisenstrasse entsteht, zu diesem Zweck hat sie ein halbes Darvida zerkrümelt und sorgfältig auf den Boden gelegt. Eine grosse Strasse konnte sie so zwar nicht erstellen, aber wir konnten doch einige Ameisen beim Abtransportieren von für sie riesigen Stücken beobachten. Es gab noch vieles mehr zu beobachten, unter anderem haben sie viele Kaulquappen entdeckt, Schmetterlinge versucht zu fotografieren, einen Molch und eine Hornisse beobachtet und sich Gedanken darüber gemacht, was das Grüne auf dem Wasser sei.

Bald war der Nachmittag vorbei und ich musste die Beiden schon wieder überreden heimzufahren. Die Einzige, die wohl eher froh war, wieder wegzufahren war Amber. Sie war manchmal etwas frustriert, wenn ich ihre Art der Forschung nicht immer ganz unterstützen konnte. So findet sie es etwa gar nicht lustig, wenn ich sie die Schnecke die am Boden liegt, nicht probieren und schmecken lasse…

Oft haben wir so viel Programm und Dinge zu tun, dabei liegt das Gute so nah. Wie schön doch ein ganz einfacher Nachmittag im Wald sein kann. Ich glaube wir werden bald wieder dorthin gehen – wir müssen doch sehen was aus den Kaulquappen wird 🙂

 

Nachforschungen für Bienenbuch 11. April 2010

Folgendes ist gestern so passiert und hat mich so gefreut, dass ich es jetzt gleich hier aufschreiben will.

Wir waren am Nachmittag alle im Garten, Marcos und ich am Garage aufräumen, Yana mit dem Fotoapparat am Bienen „jagen“, für Leia’s Bienenbuch, meinte sie, und Leia irgendwo, ich wusste gar nicht genau, was sie am machen war. Plötzlich kam sie, ganz aufgeregt und offensichtlich mit sich zufrieden, mit dem in der Mitte aufgeschlagenen Panda Heftchen (WWF-Kinderzeitschrift, jetzige Ausgabe ist über Bienen) und fing mir zu erzählen an: „Ich wollte für mein Bienenbuch wissen, wieviele Beine Bienen haben. Ich glaube, sie haben 6, aber ich bin mir nicht sicher. Da bin ich halt ins Internet gegangen und habe eingegeben „wie viele Beine haben Bienen“. Zuerst habe ich eine Seite angeklickt, wo ich es nicht gefunden habe. Dann bin ich zu Wikipedia gegangen, aber dort war es auf Englisch (hab zwar keine Ahnung wie das kam, ist ja aber auch egal). Ich wollte schon aufgeben, da hatte ich noch die Idee hier nachzusehen (Panda Heftchen) und schau, hier habe ich dieses Foto gefunden, hier kann man es gut sehen. Sie haben 6 Beine.“

Also ich finde: nicht schlecht für erste Klasse!

 

Ein ganz normaler Tag 6. April 2010

Hab schon mit Müttern gesprochen, die froh sind, wenn die Ferien wieder vorbei sind, weil sie gar nicht wissen, was sie mit den Kindern noch machen sollen. Und weil es den Kindern oft langweilig ist. Irgendwie kann ich das nicht ganz nachvollziehen. Bei uns ist eigentlich nie jemandem langweilig. Und das ganz ohne spezielles Programm. Im Gegenteil, oft bleibt nicht mal genug Zeit, um alle Vorhaben umzusetzen. Ausserdem ist dann da noch die Sache mit dem Lernen. „Ja, und wie lernen denn deine Kinder? Lernen die wirklich alles, was sie können müssen?“ Dazu kann ich nur sagen: „Im Moment – ja.“

Zum Beispiel gestern:

Noch vor dem Frühstück hat Leia ein in einem Kindersachbuch über Katzen weitergelesen. Nach dem „Zmorge“ hat sie dann an ihrer Geschichte am PC weiter geschrieben. Es ist gerade eine Geschichte über ein Zebra in einem Zoo am entstehen. Vor dem Mittagessen, als die Sonne kam, sind dann beide noch für ca. eine halbe Stunde in den Garten gegangen. Dort haben sie die Bienen an den Blumen beobachtet und Leia hatte ein Papier dabei, wo sie dann die eine oder andere Beobachtung aufgeschrieben hat. So steht dort z.B. etwa: „Bienen sind sehr wählerisch. Sie fliegen von einer Blume zur anderen, bis sie eine Blume finden die ihnen gefällt.“ Oder der Titel eines anderen Kapitels heisst: „Bienen und Blumen die hängen“.

Nach dem Mittagessen besuchte Leia ihre Klavierstunde. Anschliessend gingen dann beide wieder nach draussen, diesmal um Rollenspiele zu spielen. Sie waren Leoparden, wahrscheinlich inspiriert von einem Buch über Leoparden, welches wir am Tag zuvor zusammen gelesen hatten. Am Abend ging Yana dann ins Turnen, Leia hat diese Zeit daheim genutzt, um an ihrer Geschichte weiterzuschreiben.

Ungefähr so liesse sich das weitererzählen, schliesst sich ein Tag an dem anderen an. Es scheint mir, die Kinder hätten glatt nicht mal Zeit in die Schule zu gehen, vor lauter Lernen…

Woran kann es liegen, dass es manchen Kindern so schnell langweilig wird?

 

Soziale Kompetenz 25. März 2010

Erst vor ein paar Tagen hab ich wiedermal mit einer Nachbarin über Homeschooling geredet. Wie so oft kam ziemlich bald die Frage: „ich glaub dir ja, dass sie die schulischen Inhalte schon lernen können, aber was ist mit dem Sozialen? Wie können sie das lernen? Vermissen sie nicht andere Kinder?“ Ich muss dann jeweils zugeben, dass das auch eine meiner Hauptsorgen war, sie ist aber in keiner Weise eingetroffen.

Vielleicht ist einfach der Begriff  „Homeschooling“  etwas unglücklich gewählt, für dass was wir machen. Ein Begriff wie „Worldschooling“ würde es wohl besser beschreiben.  Es ist ja nicht so, dass wir zuhause eingesperrt sind, Lernen kann überall stattfinden. Wir haben sehr viel Freiheit wann immer wir wollen Orte und Leute zu besuchen und dem nachzugehen was uns interessiert. Ich glaube, unsere Kinder haben überdurchschnittlich viel Zeit, Leute ihrer Wahl zu treffen und mit ihnen zusammenzusein.

Es stimmt schon, sehr viel Zeit verbringen sie auch zuhause, im Haus oder im Garten, und spielen einfach ihre Fantasiespiele. Wenn man aber dieses „nur spielen“ bei Kindern mal genauer beobachtet, dann kann man  sehen, wieviele Sachen da „so nebenbei“ geübt werden. Ich finde dass immer wieder sehr spannend! Auch sozial passiert da sehr vieles, sie müssen nämlich immer wieder ihre verschiedenen Ideen unter einen Hut bringen, da wird diskutiert, nach Argumenten gesucht, etwas möglichst überzeugend erzählt, nachgegeben, zusammen eine sogar noch bessere Lösung gefunden, verziehen, Kompromisse eingegangen usw.. Darum glaube ich, dass einfaches freies Spiel sehr gute Möglichkeiten bietet, den sozialen Umgang miteinander zu üben.

Da alle Menschen einzigartig sind, gibt es auch keine allgemein gültigen Regeln, was denn das Beste für ein Kind sei. In die Schule zu gehen ist auf jeden Fall auch keine Garantie für gute Sozialkompetenz. Das mag für einige Individuen durchaus geeignet sein, ich wage jetzt aber mal zu behaupten, dass es in fast jeder Klasse sowas wie das schwarze Schaf gibt. Der Aussenseiter. Der, der mehr oder weniger gemoppt wird. Da stellen sich mir ein paar Fragen wie z.B.: Was lernt denn der (oder diese) für soziale Regeln? Kann man ohne Freunde ein positives Selbstbild behalten und sozial kompetenter werden? Und, last but not least,  was lernen dabei eigentlich die die auf der anderen Seite stehen?

Kinder sind so verschieden wie Schneeflocken die vom Himmel fallen. DIE gute Lösung gibt es darum nicht. Ich wage mich aber zu behaupten, dass Kinder die „zuhause geschult“ werden, den Anderen sozial in nichts nachstehen. Dass nicht trotz, sondern vielleicht auch gerade mit dieser Art der Erziehung sozial sehr kompetente Menschen heranwachsen können.